Predigt zur Verabschiedung von Pfarrer Andreas Herden am 26.7.2020

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

in der Bergpredigt (Mt 5-7) lehrt Jesus die neue Gerechtigkeit; er beginnt seine große Rede mit den Seligpreisungen (Mt 5,1-11). Der Theologe Klaus Berger sagt Jesus „gratuliert“ damit den Menschen, die sich an das halten, was er lehrt: „“Selig sind die …!“ oder „Glücklich sind die ...“

 

Der Autor Sasa Stanisic‘ wurde 1978 in Visegrad, in Bosnien, in Yugoslawien geboren, er lebt heute in Hamburg und ist seit Sommer 1992 in Deutschland.

In seinem autobiografischen Roman „Herkunft“ schreibt er:

In Bosnien hat es geschossen am 24. August 1992, in Heidelberg hat es geregnet. Es hätte ebenso gut Osloer Regen sein können. Jedes Zuhause ist ein zufälliges. (…)

Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will. Glück hat, wer sich geografische Wünsche erfüllt.“

(S. 123 in Sasa Stanisic‘: „Herkunft“, München, 2019)

Liebe Leserin,lieber Leser,

Glück und Seligkeit beruhen auf Entscheidungsfreiheit und auf glücklichen Zufällen, die man entschlossen annehmen kann.

Curt Goetz hat es so formuliert: „Man sollte die Dinge so nehmen, wie sie kommen.

Aber man sollte dafür sorgen, dass sie so kommen, wie man sie nehmen möchte.“

 

Jesus eröffnet in seiner Lehre und in seinem Handeln Handlungsspielräume für Menschen, für die es nach ihrer eigenen und nach allgemeiner Anschauung gar keine Handlungsspielräume gibt.

Für Arme, für Hungernde, für Trauernde, für Verfolgte, ja sogar für die Toten! Das fasziniert mich.

 

Als ich vor bald 5 Jahren hier eingeführt wurde, da habe ich gepredigt über die Größe Deutschlands Flüchtlinge aufnehmen zu können, über Hilfsbereitschaft und Willkommenskultur.

Und in seinem Grußwort äußerte damals Herr Bürgermeister Johann Krichenbauer seinen Stolz, dass er mich in einer Kommune mit BürgerInnen aus 62 Nationen willkommen heißen konnte. Es waren auch Vertreter der türkisch-islamischen Gemeinde damals dabei.

Zuletzt war ich in der Moschee zu Gast beim Freitagsgebet im Februar nach den Morden von Hanau, um Trauer über die muslimischen Opfer  und Solidarität unserer christlichen Gemeinden mit den muslimischen MitbürgerInnen zum Ausdruck zu bringen.

Heute begrüßen wir im Gottesdienst Herrn Imam Birlikcíi vom Türkisch-Islamischen Verein  zu Burgkirchen – Iji Günler! - und Hakan Menevse, meinen Freund und Mitstreiter im Interreligiösen Arbeitskreis. Dieser ist gut vertreten mit Ulrike Anders, Wolfgang Böhm und Roswitha Pache-Eder.

  

In der Dreifaltigkeitskirche lernte ich eine gottesdienstliche Agende kennen, die Herr Dekan Bertram als anarchisch empfinden muss; aber es gibt sie als feste Form „B1“, „Burgkirchen 1“, Grundform mit Variationen. So hatte ich auch hier Handlungsspielräume und also Freiheit.

Bereichert durch immer wechselnde MusikerInnen, vielfältige Stile, von Barock bis Blues, vom Dreigesang bis zur Brassband, ein großes multi-instrumentales Orchester, das unsere Sekretärin, Frau Lisa Wolf organisiert und so diesen Reichtum möglich macht.

 

Vielfalt ist Reichtum! Und anscheinend wirkt genau das einladend – nicht nur heute, wo alle, die im Kirchenraum einen Platz haben, persönlich eingeladen wurden, auch sonst kommen viele Sonntags um 10 Uhr in die Dreifaltigkeitskirche.

Und das, obwohl diese Uhrzeit in direkter Konkurrenz steht zum Sonntagsbraten! Aber dann gibt‘s das Sonntagsessen halt am Samstag! So hat es mir eine unserer treuesten Besucherinnen erklärt.

So soll Kirche sein, einladend und unwiderstehlicher als ein Sonntagsbraten. Dass sie das hier ist, ist nicht mein Verdienst. Die Vorgänger und die Kollegin sind hier zu nennen: Andrea Klopfer, Moritz Drucker und Helmut Eisenrieder. (Die vor allem und auch die davor.)

 

Nicht nur Burghauser und Altöttinger Protestanten, auch Burgkirchener Katholiken finden gerne den Weg in unsere Kirche. Das liegt nicht nur an uns, sondern vielmehr an den Katholiken, die nicht religiöse Dogmen, sondern konfessionelle Weite und christliche Freiheit leben.

Von den katholischen Kollegen vermisse ich heute besonders Michael Brunn, der gerade in St. Pius die Feier der Erstkommunion leitet. Martin Winklbauer, Pfarrgemeinderatsvorsitzender vertritt ihn zu meiner besonderen Freude und Ehre. (Denn auch er hätte jetzt in Halsbach Erstkommunion.)

 

In der Halsbacher Passion, die Martin Winklbauer mit Pfarrer Brunn als Johannes, mit sich als Judas und mit mir als Jesus einstudiert hat, bilden die Seligpreisungen eine Schlüsselstelle.

Jesus beschließt sie dort mit den Worten: „Wer heute hungert, wird gesättigt werden. Wer jetzt seines Eigentums beraubt wird, wird es hundertfach erstattet bekommen.“

Judas ruft daraufhin freudestrahlend: „Gut Herr, endlich!“

Und das Volk klatscht begeistert: „Das ist die Erlösung! Unsere Befreiung! Heil Messias!“

Unter fortgesetzten „Heil“- Rufen verkündete ich in meiner Rolle als Jesus die Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse. Und ich durfte bei den Proben am eigenen Leib erfahren wie mir widerstrebend immer übler wurde wegen diesem „Heil, Heil, Heil…!“ und wie ich es gleichzeitig doch hören wollte. Ich erinnere mich wie Du, Martin bei einer Probe sagtest: „Brauchst nicht nach jedem Satz eine Pause machen für den Jubel!“

 

Nachdem Judas die Menge immer weiter aufgepeitscht hatte, rief er: “Nieder mit den Feudalherren, den Mächtigen, den Herrschern! Nieder mit den Römern! Tod den Römern!“     

Es war wie ein Befreiungsschlag für mich, danach dem Spuk ein Ende zu machen und Judas samt dem Volk mit Heiligem Zorn anzuschreien:

„Schlecht und falsch redest du!

Mit Gewalt, denkt ihr könnt ihr die Welt verändern?

Mit Gewalt wollt ihr Gewalt vertreiben?

Aus Pflugscharen wollt ihr Schwerter schmieden, aus Winzermessern Dolche? Mit Mord wollt ihr Frieden stiften?

Das neue Haus auf dem Totenacker bauen? Den Mörtel mit Blut mischen?

Das also ist in euren Augen das neue Gottesreich – Gewalt?

Und ihr glaubt, ich soll dazu euer Führer sein , - ihr Blinden und Tauben.“

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Sie merken, das Projekt hat mich fasziniert. Ich bin gespannt, wer im Frühjahr in Halsbach den Jesus spielen wird und hoffe, dass die Passion dann doch endlich aufgeführt werden kann.

Die Begegnung mit der Rolle hat mir eines noch einmal sehr deutlich gemacht: Jesus war Pazifist. Und wer ihn ernst nehmen will, muss Pazifist werden. (Wenn er es noch nicht ist.)

Die Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse darf nicht gewaltsam erfolgen. Aber wie dann?

 

Jesus lehrte es und lebte es vor bis zum Kreuz: Durch Gewaltverzicht!

Im Johannes-Evangelium sagt er im 10. Kapitel: „Ich habe Macht mein Leben zu lassen und habe Macht, es wieder zu empfangen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.“ (Joh 10,18a)

Das ist so radikal, dass es der Kirche und ihren VertreterInnen immer wieder auf die Füße fällt.

Die Missbrauchsskandale, die in den letzten Jahren ans Licht kamen, aber auch der Konflikt in der evangelischen Gemeinde in Altötting zeigen es: Die Kirchen haben ein Problem mit der Macht!

Sie wollen sich behaupten anstatt ihr Leben zu lassen und es von Gott wieder zu empfangen.

 

Die Selbstlosigkeit Jesu finde ich heute eher in der Diakonie oder auch im sozial-diakonischen Engagement der Kirchen, wie es Martina Frank im Paul-Gerhardt-Kindergarten umsetzt.

Als 1. Vorstand und Geschäftsführer des Diakonischen Werk Traunstein organisiert Andreas Karau den Dienst an den Benachteiligten und die tätige christliche Nächstenliebe in vielen Bereichen.

Unsere Nachbarn im Wohnhaus des Wohnverbundes Salzach-Inn der Diakonie werden gestärkt und begleitet um eigene Lebensperspektiven (zurück-)zugewinnen und schließlich auch eine eigene Wohnung zu beziehen. Z.B. unter dem Dach unserer Kirche in der ehemaligen Mesnerwohnung.

 

Durch meine Freundin, die mit Doppelpass halb Deutsche und halb Amerikanerin ist, bekomme ich mit, wie glücklich wir uns schätzen dürfen, dass wir in Deutschland in einem Land leben, in dem - anders als in USA - niemand ins Bodenlose abstürzen muss: Es gibt staatliche Hilfen und es gibt die Wohlfahrtspflege, die sehr professionell arbeitet ohne Gewinnmaximierung!

 

Dazu kommen Ehrenamtliche, die mit bürgerschaftlichem Engagement eine ganze Menge Hilfe und soziale Netzwerke organisieren., wie z.B. Werner Riedhofer  als Vorsitzender des AWO-Ortsvereins.

In unserer Gemeinde übernehmen 10 bis 15 KirchenvorsteherInnen Verantwortung für die demokratische Leitung unserer Gemeinschaft und auch für unsere eigenen drei Wände.

Dass diese Kirche wieder top saniert werden konnte, verdanken wir dem Engagement des Kirchenvorstands mit der geschäftsführenden Pfarrerin und besonders dem umsichtigen Wirtschaften unseres ehrenamtlichen (!) Kirchenpflegers Walter Hilbig.

Gruppen und Kreise treffen sich meist unter ehrenamtlicher Leitung. Für SeníorInnen sind oft Fahrdienste nötig, die meist Wolfgang Papenfoth übernimmt – seit es keinen Zivi mehr gibt.

Zum Gottesdienst fahren andere, meist Ehemänner von (aktuellen und gewesenen) Kirchenvorsteherinnen; im Gottesdienst übernehmen KirchenvorsteherInnen Ordner- und Lektorendienste.

Mit ruhiger und ordnender Hand versieht hier eher im Hintergrund unsere Mesnerin, Frau Sartison, auch in ihrem Ruhestand weiter ihren Dienst.

 

In solchem Dienen ereignet sich still und fast unbeobachtet tatsächlich auch eine Umkehrung, nämlich der vorherrschenden Werte. Was ich meine wird deutlich in der Umkehrung der Seligpreisungen in einer Anti-Bergpredigt:

„Zu bedauern sind die Armen, denn ihnen fehlt eine solide wirtschaftliche Basis, um das Leben genießen zu können. Hast du was, dann bist du was!

Zu bedauern sind die ein reines Herz haben, denn man wird sie ausnutzen. Was zählt ist der Erfolg!

Zu bedauern sind die Friedensstifter, denn sie werden zwischen den Fronten zerrieben werden.“ Usw. (Zitiert nach „Thema Sonntagsblatt“, Ausgabe 3/2017, S.14)  

 

Man muss es sichtbar machen, wie falsch der Weg des Kapitalismus und Egoismus ist!

Deswegen auch meine Leidenschaft für die Kunst. Ich bin dankbar, dass ich auch dafür Handlungsspielräume hatte. Besonders 2017! Es galt 500 Jahre Reformation zu begehen und dabei 500 Jahre Trennung zu überwinden! Mein aufregendster Moment war, als Andreas Klinger die Gabel des Traktors absenkte und drei schwere an einer Kette daran hängende, gekreuzte Baumstämme sich freischwebend zu einem Tetraeder organisierten.

Horst Renner hatte die künstlerische und handwerkliche Leitung zu unserer Begegnungs-Skulptur:

Franz Hurm war ein weiterer handwerklich Geschickter (- „und nicht nur Gesandter!“;-). Samira Reichenberger gab Impulse zur farblichen Ausgestaltung des Projekts, in das die ganze Gemeinde eingebunden wurde.

 

Nun habe ich viele Namen genannt, nicht alle, verzeiht mir!

Heute und hier bleibt mir nur noch eines von Herzen zu sagen:

„Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Amen.